Freitag, 15. Dezember 2017

Jahrbuch des GAW zu den Folgen des 1. Weltkrieges für den Protestantismus in Arbeit

v.li.: Bischof Dr. Michael Bünker, Dr. Wilhelm Hüffmeier, Dr. Elisabeth Parmentier, Frau Klaafs, Profr. Klaus Fitschen
Mitte Dezember traf sich der vom Vorstand des GAW berufene Herausgeberkreis des GAW-Jahrbuches "Die Evangelische Diaspora" zur Vorbereitung einer neuen Ausgabe. 2018 wird an den vor 100 Jahren endenden 1. Weltkrieg erinnert. In vielen europäischen Ländern wird es dazu Gedenkfeiern und Veranstaltungen geben, die auf die bis heute nachwirkenden Folgen dieses fürchterlichen Krieges erinnern. Das Jahrbuch will sich diesem Thema ebenso stellen und auf die Auswirkungen auf den europäischen Protestantismus hinweisen. Das Thema des Jahrbuches heißt: "Die Evangelischen Diasporakirchen nach dem Ersten Weltkrieg und ihre ökumenischen Beziehungen". In vielfältigen Beiträgen wird dieser Thematik Raum gegeben. dabei wird es bestimmte exemplarische Länderschwerpunkte geben.
Auch Dokumente, die diese Thematik beleuchten, werden eingearbeitet in das Jahrbuch, so u.a. Stellungnahmen der GEKE, der EKD, aus Frankreich, aus Polen etc. 
Im Jahr 2014 wurde an den Beginn des 1. Weltkrieges erinnert. Die evangelische Kirche hat sich damals tief beschämt über das kirchliche Versagen beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren geäußert. Kirche und Theologie in Deutschland hätten versagt angesichts der Aufgabe, zu Frieden und Versöhnung beizutragen und sich zu Anwälten der Menschlichkeit und des Lebens zu machen, hieß es in einem Wort des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), das damals veröffentlicht wurde.
Zu einem Moment des Schweigens als ein angemessenes Zeichen des Erinnerns rief damals die  Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) auf. Die Kirchengemeinschaft empfahl für den Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges am 1.August, europaweit um 12 Uhr eine Schweigeminute einzulegen.
Das Jahrbuch des GAW soll im Januar/Februar 2019 erscheinen.

Dienstag, 5. Dezember 2017

"Brasilien braucht einen Martin Luther"

Ruben Goldmeyer, Vorsitzender der Rede Sinodal
mit dem Generalsekretär des GAW; das Plakat zeigt 
das Jahresthema der Kirche 2018
"Brasilien braucht einen Martin Luther! Das Land leidet unter Korruption und Vetternwirtschaft, einem schlechten Erziehungs- und Gesundheitswesen, unter Gewalt gegen Frauen und einer  zunehmenden Unsicherheit," erklärte im Septemberein bekannter brasilianischer Journalist in einer landesweit ausgestrahlten Talkshow. Dabei sei dieser Mann gar kein Lutheraner, so Ruben Goldmeyer, Vorsitzender des Bildungsnetzwerks "Rede Sinodal de Educação" der Evanglischen Kirche Lutherischen Bekenntnises in Brasilien (EKLBB): "Als ich das im Fernsehen hörte, bekam ich Gänsehaut. Das war für uns Lutheraner etwas ganz Besonderes.
Luther ist normalerweise kein Thema in Brasilien. "Wir sind eine Diasporakirche und in dem großen Land werden wir manchmal nicht wahrgenommen", sagt Ruben Goldmeyer. "Was hier über die Reformation bisher bekannt war, war sehr dürftig. Man sprach von der Reformationszeit als von etwas Partikularem und Sektiererischem. Das Reformationsjubiläum hat nun hier im Land ein neues Bewusstsein geschaffen." 
Ruben berichtet, dass die EKLBB zunächst befürchtet hatte, dass die Jubiläumsfeierlichkeiten etwas Innerkirchliches bleiben und keine Außenwirkung in Brasilien haben würden. Doch nun beobachtet er das Gegenteil. In nicht unerheblichem Masse hat das Bildungsnetzwerk  dazu beitragen können. In der "Rede Sinodal" der EKLBB sind 51 Schulen mit einigen Filialen (d.h. an die 70 Schulen) verbunden. Insgesamt werden mit diesen konfessionellen Schulen 45.000 Schüler erreicht. Mindestens 75 % der SchülerInnen gehören nicht zur EKLBB. Eltern schicken ihre Kinder auf die EKLBB-Schulen, weil diese einen sehr guten Ruf genießen. Inzwischen steigt auch das Interesse am Deutschunterricht wieder. 
Die "Rede Sinodal" hat sich an den Feierlichkeiten in mit verschiedenen Schwerpunkten beteiligt. Es wurde z.B. von Lehrern und Pfarrern didaktisches Material zu Martin Luther, zur Reformation und zu wesentlichen Aspekten der reformatorischen Theologie erarbeitet, einsetzbar von dem Kindergartenalter bis zur 5. Klasse . Dieses Material steht inzwischen allen Schulen Brasiliens zur Verfügung und wird auch nachgefragt. Ein Theatertreffen der Schulen wurde organisiert. Zum Reformationsjubiläum fand ein großer Lehrerkongress für 800 LehrerInnen statt.  Dazu kam noch ein großes Konzert der Schulen mit 500 musizierenden SchülerInnen und 200 SängerInnen. Über 4.000 Menschen besuchten das Konzert.  Unter dem Motto "500 Jahre Reformation - 500 Schüler" fand im Süden Brasiliens  ein Schülertreffen statt. "Das Treffen war sicher eines der Höhepunkte. Jede Schule konnte Schüler zu diesem Freizeitcamp schicken", sagt Ruben Goldmeyer. Er berichtet auch, wie sich langsam wieder eine Schulpastoral in den Schulen etabliert: "Wir arbeiten an unserem Profil als lutherische Schulen."
"In unserem überschaubaren Kontext zeigt sich, welche Auswirkungen das Reformationsjubiläum hat. Es wirkt nachhaltig und ist nicht verpufft" ist sich Ruben sicher. "Insgesamt ist in der brasilianischen Gesellschaft eine Sehnsucht nach einem Wandel, nach einer Reform - ja nach einer Reformation zu spüren. Es ist besorgniserregend, wie sich in den letzten Jahren das Bild Brasiliens  durch Korruptionsskandale, Machtmissbrauch und fehlende Erneuerungen im Bildungs- und Gesundheitswesen verschlechtert hat. Wenn man sich nach einem Martin Luther sehnt, ist dies ein Ausdruck für den Wunsch nach einer Neuausrichtung und einem politischen Wandel, der allen Menschen dient - und nicht einigen Wenigen!"

Sonntag, 3. Dezember 2017

Ein Orchester verändert Leben in San Fernando - ASE und Sabino

Pastor Sabino (hinten rechts) mit einem Teil des Orchesters
1998 begann sich Sabino Ayala - damals Pastor einer evangelischen Mittelstandsgemeinde in Martinez - in dem Armenviertel von San Fernando um benachteiligte und gefährdete Kinder und Jugendliche zu kümmern. San Fernando liegt in der Nähe von Martinez und hat rund 165.000 Einwohner. Sabino Ayala wollte die beiden, eng nebeneinander existierenden Realitäten in seiner pastoralen Tätigkeit miteinander verbinden. "Das ist unser prophetischer Auftrag in der Kirche, dass wir niemanden ausschließen, niemanden als Nummer behandeln, sonder als von Gott geliebten Menschen. Wir dürfen niemanden aufgeben", bekennt Sabino. Was er begann, das war alles andere, als eine herkömmliche Gemeindearbeit. Es waren ganz einfachen Schritte, mit denen er das Vertrauen der Menschen in San Fernando gewann - Fußbballspiele, Gespräche, Besuche. Zusammen mit befreundeten Musikern entwickelte er auch die Idee eines Orchesters in dem Armenviertel.


Am Eingang von ASE verabschiedet Sabino Kinder 
Inzwischen besteht das Tageszentrum ASE (Acción Social Ecuménica) schon seit 20 Jahren. Ein Haus wurde angemietet und ist jeden Tag mit Leben und Aktivitäten gefüllt. Samstags findet das Gemeindeleben mit Gottesdiensten und Kinderbibelstunden statt, an anderen Tagen gibt es eine sehr ausgeprägte diakonische Arbeit, die von Nähkursen für Mütter bis zu Backaktivitäten und Keramikwerkstatt mit Jugendlichen reicht. Besonders gefragt ist das Angebot einer Psychologin. An Tagen, an denen sie vor Ort ist, wird ASE zu einem überfüllten Wartesaal. ASE ist eines der wenigen Projekte, in denen Gemeinde und Diakonie Hand in Hand mit Sozialarbeit und Psychologie versuchen, das Leben vor Ort zu verbessern. 



Die Trompete war eine Spende, die über das GAW
in das  Zentrum kam
40 Kinder und Jugendliche nehmen die Angebote wahr, 20 besuchen den Katechismusunterricht, sechs Jugendliche nehmen am Keramikworkshop teil, dazu kommt eine Frauengruppe - und schließlich gehören 16 Jugendlliche zu dem Orchester des Zentrums. Es ist das Aushängeschild von ASE. Im Februar 2018 wird es auf Einladung der Westfälischen Landeskirche eine Tour durch westfälische Gemeinden unternehmen.

Bei all der Lebendigkeit: Die finanziellen Mittel reichen hinten und vorne nicht aus. Gerade mal 20 Kinder werden staatlich unterstützt. Damit können höchstens Honorare der Musiklehrer und einige kleine Nebenkosten bestritten werden. Bedrohlich wird die Lage dadurch, dass langjährige Partner Mittel gestrichen haben. Das bringt das Zentrum ASE in Not.

Pastor Sabino Ayala (ASE; r.) und Pfarrer Enno Haaks (GAW)
"Wir werden weitermachen! ASE wird weiter existieren," zeigt Sabino Ayala sich entschlossen. "Manches wird sich ändern, aber wir machen weiter. Wir haben  mit ASE auch in unserer Kirche eine wichtige Aufgabe, zu zeigen, dass das Evangelium auf verschiedene Weise verkündet und gelebt werden kann."

Er nennt als Beispiel Menschen, die es auch mit Hilfe von ASE geschafft haben, aus dem Kreislauf aus Armut und  Ausgeschlossenheit auszubrechen. "Dafür braucht es Halt und Disziplin - und vor allem: Die Kinder und Jugendliche sollen erfahren, dass sie geliebt sind, wertgeschätzt werden und viel können!" 

2013 hat das GAW ASE unterstützt. Auch heute ist Hilfe für das Zentrum und das Orchester dringend notwendig

Samstag, 2. Dezember 2017

Eine Kirche für die Ausgegrenzten - Baradero


v.re. n.li.: Nicolas Rosenthal (Leiter Diakonie IERP),
 Enno Haaks, Willi Jännicke; li. Veronica (Teamleiterin)
Thiago ist elf Jahre alt. Täglich kommt er zum diakonischen Zenrum "Germán Frers" der evangelischen Gemeinde Baradero (Iglesia Evangélica del Rio de la Plata, IERP), 140 km nördlich von Buenos Aires. Thiago hat noch zwei Geschwister. Sein Vater ist wiederholt im Gefängnis wegen schweren Raubes. Er hat auch Thiagos Mutter und die Kinder geschlagen.
Die schwierige familiäre Situation machte Thiago zunehmend aggressiver. Schließlich rief die Schuldirektorin
das Tageszentrum "Germán Frers" und Willi Janecki an und bat um Hilfe. Willi ist von der Kirchengemeinde angestellt, um das Zentrum zu leiten. Das Tageszentrum ist ein Arbeitszweig der Gemeinde. Hier werden 38 Kinder aus sozial extrem gefährdeten Familien betreut. Manche der Kindern und Jugendlichen haben schwere Schicksale, die für ein ganzes Leben reichen. Hier im Zentrum, das eine großzügige Anlage mit Sportplatz, Garten, Wald und Schwimmbecken hat, werden sie sowohl vormittags als auch nachmittags betreut.  Man versucht, ihnen auch psychologisch zu helfen. Ob sie eine Chance haben? 

Backen für den Weihnachtsbasar
Ein positives Beispiel ist der Bäcker, der am Tag unseres Besuches mit seiner Familie da war. In der Küche buck er Stollen für den Weihnachtsmarkt der deutschen Gemeinde in Buenos Aires. Als Kind lebte er fünf Jahre in dem Zentrum. Damals war "Germán Frers" noch ein Internat, inzwischen ist es laut Gesetz nicht mehr erlaubt. Als er von seiner Zeit in "Germán Frers" erzählte, geriet er ins Schwärmen. Die Unterstützung, die er hier erhalten hat, hat ihm geholfen, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Seine 20-jährige Tochter war mitgekommen, weil sie das Zentrum unbedingt kennenlernen wollte. "Mein Vater hat so viel davon gesprochen", sagte sie.

Das Zentrum ist die älteste diakonische Einrichtung der IERP. Es wurde 1909 als Knabenheim „Germán Frers“ gegründete. Heute ist es Tageszentrum für sozial gefährdete Kinder.
Germán Frers war ein Lehrer, der 1885  in Baradero eine Kapelle für Gottesdienstedeutscher Einwanderer erbaute. Die Kapelle wurde gleichzeitig als Lehrerzimmer der damaligen deutschen Schule genutzt. 130 Jahre später wird sie jeden Sonntag der Mittelpunkt der kleinen Gemeinde Baradero. 25 Familien gehören der Gemeinde an. Obwohl klein, ist sie sehr aktiv und bringt sich in die diakonische Arbeit des Zentrums ein. Regelmäßig werden in der Kirche Andachten mit den Kindern aus dem Tageszentrum  gehalten. Die kleine Kirche ist ein wichtiger Anlaufpunkt auf dem Gelände.
Zugleich ist "Germán Frers" auch ein Begegnungszentrum. Es finden hier auch Freizeiten, Ausbildungsprogramme und Jugendlager statt - darunter Konfirmanden- und Jugendgruppenfreizeiten der Gemeinden von Buenos Aires. Alle Kinder und Jugendlichen der evangelischen Gemeinden in Buenos Aires denken gern an diese Freizeiten zurück.


Die evangelische Kirche in Baradero
Die Kirche in Baradero muss gründlich saniert werden. Dazu gehören die Reparatur des Daches, die Ausbesserung von Rissen im Mauerwerk, die Erneuerung der Sanitäranlagen, der Bau eines behindertengerechten Zugangs und die Sanierung der Fenster und Türen. Für diese Arbeiten wird das GAW im Projektkatalog 2018 um Unterstützung in Höhe von 12.000 Euro gebeten. Das ist ein wichtiges Projekt, das Unterstützung verdient. Denn: Für die Arbeit mit den Kindern bekommt die Gemeinde von staatlicher Seite gerade mal 18 % dessen, was notwendig wäre. Es ist bedrückend, immer wieder zu erleben und zu hören, wie sehr sich der argentinische Staat aktuell aus seiner Verantwortung für die Schwächsten zurückzieht. Es ist eine Schande! Umso wertvoller ist es, dass die Kirche nicht wegschaut. Mit ihren Kräften und der Unterstützung der Partner und Freunde gelingt es, die Arbeit für die Kinder und Jugendlichen am Leben zu halten.

Freitag, 1. Dezember 2017

Das Zentrum "El Sembrador" in Ezeiza (Buenos Aires)

Im Zentrum El Sembrador
In Ezeiza im Süden von Buenos Aires kann man erleben, wie die argentinische Diktatur auf das Leben der einfachen Menschen ausgewirkt hat. Ganze Industriezweige sind damals in den Ruin gegangen - besonders im südlichen Teil des Großraums Buenos Aires. Ezeiza hat sich von dem wirtschaftlichen Niedergang nicht wieder erholt. Die Gegend verwahrloste immer mehr. Es gibt kaum Arbeit. Diese Verwahrlosung hat Einfluss auf die Menschen, die hier leben - und vererbt sich ... 

Kinder und Familien brauchen Hilfe
Es gibt in Ezeiza kaum sog. "heilen" Familien. Die Wohnverhältnisse sind katastrophal. Teilweise leben sechs oder mehr Menschen in einem Raum. Es gibt viel innerfamiliäre Gewalt bis hin zum Missbrauch. Der Drogenkonsum ist sehr hoch. Es fehlen Perspektiven. "Wir sagen, dass viele aus dem System herausgefallen sind - excluidos del sistema", berichtet Nicolás Rosenthal von der Diakonie.
Kindergartengruppe in El Sembrador
„Es gibt kaum Ehepaare, die mit ihren Kindern zusammenleben. Oft erziehen die Mütter ihre Kinder alleine und müssen noch sehen, wie sie Geld verdienen“, erzählt Pastorin Christiane La Motte, die von ihrer Gemeinde in Temberly das Zentrum "El Sembrador" pastoral mitversorgt. Zum Zentrum gehört ein Kindergarten mit zwei Erzieherinnen und 27 Kindern. Zusätzlich werden am Nachmittag Kinder und Jugendliche betreut, die teilweise überhaupt nicht lesen können und an Disziplin und Gruppendynamiken gewöhnt werden müssen.

Unterstützung vom Staat reicht nicht
Von staatlicher Seite gibt es wenig Unterstützung. Zwar werden die Gehälter der beiden Erzieherinnen gezahlt. Die Kirchengemeinde muss aber für die Sozialabgaben sorgen. Für die Mitarbeiterinnen in der Nachmittagsbetreuung gibt es pro Kind eine staatliche Förderung, die ebenso wenig ausreicht. Für die gesamten Nebenkosten und Instandhaltungen muss die Kirchengemeinde aufkommen, die Träger des Zentrums ist. Mit nur 53 zahlenden Mitgliedern ist das eine riesige Herausforderung. Ohne die Unterstützung von Partnern und Freunden aus dem In- und Ausland wäre es nicht möglich, das Zentrum zu erhalten. Deutlich ist zu spüren, dass der Staat nach dem Regierungswechsel Sozialprogramme stark gekürzt hat. Das bringt solche Zentren wie "El Sembrador" zusätzlich unter Druck. Das Zentrum könnte wesentlich mehr für Kinder, jugendliche und Frauen tun. Allein die Mittel dafür fehlen - dabei wäre so viel zu "säen" ...

Das Zentrum El Sembrador in Ezeiza
"El Sembrador" ist wieder sicher
Ds Gebäude des Zentrums, das seit 1984 besteht, war noch vor wenigen Jahren in einem bedauerlichen Zustand. Meterlange Risse, die sich weiter vergrößerten, wiesen auf statische Probleme hin. In der Regenzeit drang Wasser ins Mauerwerk, sodass die Substanz weiter geschädigt wurde. Neue Sanitäranlagen waren erforderlich und eine Notausgangstür muss installiert werden.
Das GAW hat geholfen, das Haus wieder sicher und einladend zu machen. Mit der Kindergabe 2014 wurden Spenden für dieses Projekt gesammelt, das nun erfolgreich abgeschlossen ist. Allen Spendern sei gedankt!

Glyphosat, Landwirtschaft und die Zukunft der Kirchengemeinden am La Plata

Nicolás Rosenthal (Leiter der Diakonie, hinten links) mit
Jorge Weinheim (Projektkoordinator) - beides Theologen
"Die sogenannte moderne Landwirtschaft wird Auswirkungen auf unsere Kirche haben", sagt der Nicolás Rosenthal, Leiter der Diakonie der Evangelischen Kirche am La Plata (Iglesia Evangélica del Rio de la Plata - IERP). "Die großen Agrarkonzerne weiten sich immer stärker durch Pachtverträge mit Kleinbauern aus. Sie bemühen sich auch um die Ländereien mittelständischer Landwirtschaftsbetriebe - auch unserer Gemeindemitglieder in Paraguay, Uruguay und Argentinien."
Die IERP ist geprägt von ihren ländlichen Gemeinden, die von der Landwirtschaft lebten und noch leben. "Das wird aber immer komplizierter, wenn die großen Agrarkonzerne ihre Soja - und Maisproduktion ausweiten." Nicolas Rosenthal beschreibt, wie sich das auf die Gemeindestrukturen der IERP auswirkt: "Ich befürchte, dass viele Landgemeinden sukzessive weniger werden und aussterben. Denn: Wovon sollen die Familien leben? Auch die Diversität in der Landwirtschaft geht verloren. Es gibt nicht mehr genügend Flächen für Viehwirtschaft und für den Anbau anderer Pflanzenkulturen. Dazu kommt, dass die intensive industrielle Landwirtschaft auf den großflächigen Einsatz von Glyphosat setzt. Dies wird oft mit Flugzeugen auf das Land gebracht. Dabei können ganze Dörfer durch falschen Einsatz mit einer Glyphosatwolke kontaminiert werden." Nicolás Rosenthal berichtet, dass der Eindruck entstanden ist, dass dies zu vermehrten Krankheiten führt. "Allerdings sind die Zusammenhänge schwer nachzuweisen. Im November wurde ein Institut einer staatlichen Universität geschlossen, das sich mit diesen Fragen auseinandersetzte. Warum?", fragt Rosenthal. 
Die IERP beschäftigt sich vermehrt mit diesen Fragen, weil sie unmittelbar die Gemeinden betreffen. Das Dilemma: Es gibt in der IERP auch Gemeinden, die von der intensiven Landwirtschaft leben und in dieser Form der Landwirtschaft  schwerlich einen Nachteil für sich sehen. Dass die Vielfalt der Landwirtschaft verloren geht, dass bestimmte Produkte auf einmal nicht mehr hergestellt werden und importiert werden müssen, dass langsam die Dörfer und ländlichen Kleinstädte sterben und damit auch Kirchengemeinden verschwinden, dass Krankheiten durch den Einsatz von Spritzmitteln auftreten - die Einsicht in diese komplexen Zusammenhänge braucht Zeit und einen Wandel in den Köpfen. Letztlich gehen durch die intensive Landwirtschaft auch Arbeitsplätze verloren. Kinder von Landwirten können auf dem Land nicht mehr ihre Existenz sichern.
Das alles ist komplex. Sicher ist aber, dass sich die IERP verändern wird. Sie wird sich mehr und mehr um die Arbeit in den Städten kümmern müssen. Wird es gelingen, Menschen hier zu binden, die ihre Wurzeln an anderen Orten hatten? Und wie wird es in den ländlich geprägten Regionen weitergehen?
"Eine unserer wichtigsten Aufgaben ist es, Menschen für all diese Zusammenhänge zu sensibilisieren", bekräftigt Nicolás Rosenthal. "Wir haben als Kirche eine Verantwortung. Und wir wollen Kirche in unserer Gesellschaft sein!" 

Mittwoch, 29. November 2017

Zukunft der Waldenserkirche am La Plata


Zentrum der Waldenserkirche in Colonia Valdense
„Das Licht leuchtet in der Finsternis“. Dieser Spruch steht auf dem Wappen der Waldenserkirche in Italien und am La Plata in Lateinamerika. „Das gilt auch für die Zukunft der Waldenserkriche am La Plata,“ sagt die Moderatorin der Kirche Carola Tron. „Wir sind eine kleine Kirche und verstreut in zwei Ländern – in Uruguay und in Argentinien. Die Mitgliederzahlen in den sechs Presbyterien (zwei in Argentinien, vier in Uruguay) steigen nicht. Wir haben vakante Pfarrstellen und derzeit keine Theologiestudenten. Zudem werden in den kommenden fünf Jahren von den 13 aktiven Pastoren – davon vier Pastorinnen – drei pensioniert. Für die derzeit elf emeritierte Pastoren muss die Kirche die Pension
Waldenserkirche in Colonia Valdense
aufbringen – das sind 30% des Jahreshaushaltes der Kirche.

Als getaufte Waldenser werden 11.260 Personen gezählt. Doch diese Zahl beschreibt eher eine Aufgabe, sich um diese Menschen zu sorgen. Am aktiven Gemeindeleben nehmen rund 2.500 Menschen teil“, beschreibt Carola die Situation ihrer Kirche.
Zugleich unterhält die Kirche diakonische Zentren und ist Arbeitgeber für 130 Angestellte. Italienische Steuergelder (OPM-Mittel), die über die Schwesterkirche aus Italien vergeben werden, werden in beachtlicher Größe für soziale Projekte in Uruguay und Argentinien eingesetzt. Das alles
Moderatorin Carola Tron (2.v.li.) mit Vertretern der
Mesa Valdese im Gespräch mit dem GS Enno Haaks
fordert Kraft, Einsatz und Kreativität. Carola Tron betont, dass bei all den Zahlen und den Herausforderungen die Waldenserkirche
in der Gesellschaft eine wichtige Stimme ist, die „anders“ ist. „Das Evangelium macht uns Mut, nicht auf das zu schauen, was mal war und nicht mehr ist, sondern auf das, was wir in der Welt zeigen und leben können: Dass das Licht in der Finsternis leuchtet.“

Die Waldenserkirche bemüht sich verstärkt um die Fortbildung engagierter Laien. Denn bei abnehmender Pastorenzahl müssen sie verstärkt Verantwortung in allen Bereichen übernehmen. Wie in Zukunft Pastoren und Pastorinnen gewonnen werden können, ist eine weitere Frage und Herausforderung, die gleich zur nächsten Frage überleitet: Wo soll diese Person ausgebildet werden? Nach der Schließung der Theologischen Ausbildungsstätte ISEDET arbeitet die Waldenserkirche mit der Evangelischen Kirche am La Plata (IERP) und der Lutherischen Kirche (IELU) an einem neuen Ausbildungssystem. Es soll eine Kombination aus Online-Studium und Präsenzzeiten ermöglichen. Viele Fragen sind offen und werden wohl im Vollzug geklärt. Auch wann eine Studierende aus der Waldenserkirche dabei sein wird, ist offen ...

Glyphosat und die Waldenser am La Plata

„Glyphosat“ war das erste Thema, worauf ich mich Carola Tron, Moderatorin  der Waldenserkirche am La Plata, ansprach. „Was hat Angela Merkel bei euch in Deutschland entschieden?“, fragt sie mich. „In Facebook sprach eine Freundin von „Merk(el)antilismus … Orientiert sie sich nur an den Marktkräften wie Monsanto?“ Carola Tron weiß, wie kompliziert das Thema ist. Sie kennt die verschiedenen Studien zu dem Pflanzenschutzmittel. Ist es nun krebserregend oder nicht? In ihrer ländlich geprägten Gemeinde in Dolores in Uruguay ist es ebenfalls ein schwieriges Thema. Viele Gemeindemitglieder sind Landwirte, die das Mittel verwenden. „Würde ich versuchen, mit meinen Landwirten darüber zu diskutieren, würde ich es schwer haben.“ Welche Folgen für die Gemeinde eine offene und kritische Auseinandersetzung über Glyphosat in der Gemeinde haben würde, sei nicht abzusehen. Deshalb wird lieber geschwiegen. Nur in Einzelgesprächen wird das Thema aufgenommen. 

Carola Tron berichtet, wie unbedacht das Mittel teilweise angewendet wird. Oft werden die notwendigen Schutzmaßnahmen nicht eingehalten und es wird zu viel von dem Mittel verwendet. Nach Anwendung wird die Kleidung nicht vernünftig gereinigt. Carola Tron erzählt auch, dass in der Region um Dolores in den letzten Jahren die Krebserkrankungen angestiegen sind. „Das fällt auf“, sagt sie. „Aber hier in Uruguay hängt sehr viel von der Landwirtschaft ab. Darüber wird nicht geredet und kein Zusammenhang hergestellt.“
Eine Entscheidung gegen Glyphosat hätte in Uruguay Druck erzeugt. Es hätte Veränderungen geben müssen, und es würde der Gesundheit vieler dienen.

Dienstag, 28. November 2017

Eine neue Waldenserkirche in Dolores und eine Kirchenruine als Mahnmal

Die Kirchenruine der alten Waldenserkirche ist zum Wahrzeichen der Erinnerung an den fürchterlichen Tornado vom 15. April 2016 geworden. Ein Drittel der Stadt Dolores wurde beschädigt. Viele Häuser der Stadt mit rund 20 000 Einwohnern wurden völlig zerstört – so wie die Waldenserkirche. „Ich hatte gerade Bibelstunde als der Tornado ausbrach,“ erzählt die Moderatorin der Waldenserkirche Carola Tron. „Wir sind in die Küche und in die Toiletten geflüchtet. Diese Bereiche waren heil geblieben.“ Der gesamte Kirchenraum wurde zerstört. Die Stadt hatte fünf Todesopfer zu beklagen, die genaue Zahl ist aufgrund von Spätfolgen nicht sicher.
Ein Gemeindemitglied erzählt: „Wenn ein seltsamer Wind in der Stadt weht, kommen die Erinnerungen hoch und die Furcht, dass es wieder uns treffen könnte. Meine Mutter mit ihren 85 Jahren war tief erschüttert, als sie die Kirchenruine sah. Hier wurde sie getauft, konfirmiert, hat geheiratet, viele Menschenauf dem letzten weg begleitet - und jetzt auf einmal sollte sie keine Kirche mehr haben …“ 
Pfarrerin Tron berichtet, wie es nach dem Tornado weiterging: „Nach dem 15. April haben wir uns jeden Sonntag in der Kirchenruine getroffen und DENNOCH Gottesdienst gefeiert. Kein Sonntag fiel aus. Teilweise standen wir mit Regenschirmen da, in Decken gehüllt. Die biblischen Geschichten hatte auf einmal alle eine tiefe existentielle Bedeutung im Blick auf den Tornado und unser Leben.“ 
Carola Tron erzählt, dass sich das GAW ziemlich schnell nach dem Tornado gemeldet und Wiederaufbauhilfe für die Kirche angeboten hat. „Das tat unwahrscheinlich gut und hat den Kopf frei gemacht. Unsere erste Sorge war, dass wir den vielen Opfern des Tornados in der Stadt helfen wollten.“ Sie berichtet von einer großen Solidaritätswelle – auch international. Die Waldenserkirche in Italien stellte schnell Nothilfegelder zur Verfügung. Damit konnte vielen Familien beim Wiederaufbau geholfen werden. Auch gab es eine Kollekte in allen Waldensergemeinden Italien zugunsten des Wiederaufbaus der Kirche. Wichtig war auch die große Solidarität in ganz Uruguay. Menschen aus der eigenen Kirche kamen zu Wiederaufbaucamps zusammen. 
2.v.l. Carola Tron
Inzwischen steht neben der Kirchenruine, die konserviert werden soll und als Denkmal erhalten werden soll, ein neues Kirchenzentrum. Es ist bewundernswert, wie schnell das ging. „Für uns als Gemeinde war dieser Tornado schlimm – aber er hat uns enger zusammengebracht. Und vor allen Dingen hat er uns gezeigt, dass wir als kleine Diasporakirche viel tun können für andere. Wir haben gelernt, dass wir nicht nur in der Kirche unseren Glauben stärken. Wir müssen ihn draußen bewähren!“, sagt Carola Tron. „So sind die eingestürzten Mauern auch ein Symbol dafür, dass wir transparenter auch für die sind, die anderen christlichen Konfessionen angehören."

Das GAW hat den Wiederaufbau der Waldenserkirche mit Nothilfemitteln mit 12.000 Euro unterstützt.

Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben - Hoffnung in einem Armenviertel in Montevideo

Ich bin der Weg...
Lucia vor dem Zentrum
Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben - diese Worte aus dem Johannesevangelium stehen über dem Kapelleneingang des Centro Ecumenico im Stadtteil Cuenca de Casavalle in Montevideo. Ja - so ist mein Gefühl - das möge doch für all die Kinder und Jugendlichen gelten, die das Zentrum besuchen. Denn was man in dem Stadtteil sonst sieht, wirkt trostlos, hoffnungslos und orientierungslos. Wie in jeder großen Metropole Lateinamerikas findet sich auch am Rande der 1,5-Milionenstadt Montevideo eines dieser unzähligen Armenviertel. 85.000 Menschen leben hier unter teilweise fürchterlichen Bedingungen. Von ihnen müssen
65 % ihren Alltag unterhalb der Armutsgrenze bewältigen. Sie haben weder ausreichend Lebensmittel, noch Wohnraum, Gesundheitsversorgung oder Bildungschancen. Solche Gegenden sind wie dafür geschaffen, dass sich hier Gewalt ausbreitet mit all ihren schrecklichen Folgen, die den Menschen von Beginn an Perspektiven nehmen. Es gibt etliche Kinder und Jugendliche, die von ihren Eltern - wenn denn überhaupt ein Elternpaar vorhanden ist (das ist die absolute Ausnahme) - nach der Geburt nicht angemeldet wurden. Es gibt sie quasi nicht. Sie haben weder Geburtsscheine noch Kinderausweise mit der Identitätnummer und fallen aus allen Versicherungssystemen einer modernen Gesellschaft heraus.
 Die meisten Menschen leben zudem auf illegal besetztem Boden, etliche von ihnen in Wellblechhütten oder notdürftig aus Müll errichteten Behausungen. Da gibt es kein fließendes Wasser, kein Abwassersystem, kein Strom - oder wenn, dann wurde es illegal abgezweigt. Gewalt ist ständiges Thema. Der Drogenkonsum wirkt wie ein  Brandbeschleuniger all der gravierenden Probleme. Banden haben das Terrain unter sich aufgeteilt.  
Arbeit mit Behinderten
Hausaufgabenhilfe
Inmitten dieser Probleme gibt es seit den 1950er-Jahren das "Centro Ecumenico" der "Fundación Pablo de Tarso". Seit 1978 ist das Zentrum ein staatlich anerkanntes diakonisches Werk, in dem täglich über 300 Kinder und Jugendliche von 40 Mitarbeitenden betreut werden. "Das Zentrum ist inmitten all der Probleme und Sorgen des Viertels eine Insel des Friedens, in der Gewalt so gut wie gar nicht vorkommt. Unser Zentrum wird sogar beschützt  - auch durch die kriminellen Banden des Viertels", sagt Lucia, die das Zentrum leitet. "Auch wenn es schon vorkam, dass in der Nähe des Zentrums Menschen durch Bandenkriege getötet wurden - auf unser Zentrum gab es noch keinen Angriff.
Im Centro Ecumenico werden Angebote gemacht zur Hausaufgabenunterstützung, handwerkliche Arbeitsgemeinschaften, Sportaktivitäten, verschiedenen Workshops. Auch Frauen treffen sich. Eine absolute Ausnahme ist die Arbeit mit Behinderten. Das gibt es in der Form nur hier. Lucia erzählt: "Wir wollen den Kindern und Jugendlichen ein Gefühl dafür geben, dass Talente in ihnen liegen. Wir wollen sie motivieren, etwas aus sich zu machen. Denn jeder Mensch hat eine Würde."

Getragen wir die Arbeit von der Waldenserkirche, der deutschen Gemeinde Montevideo, der Methodistenkirche und der lutherischen Kirche.Das GAW hat das Zentrum mehrfach unterstützt - zuletzt in den Projektkatalogen 2004, 2006 und 2007.
Die Finanzierung ist wie in viele sozialen Zentren schwierig. Der Staat hat vor Kurzem die Förderung zweier Projekte für 2018 gekündigt. Das heißt, dass wichtige Angebote, z.B. für die Behinderten, nicht weitergeführt werden können. Neun Mitarbeitende werden 2018 in dem Zentrum nicht mehr mitarbeiten können.

Sonntag, 26. November 2017

Casa de Paz - Die Kultur der Gewalt überwinden

Gedenkstein, der an die
Operation Orion erinnert
Im November diesen Jahres haben in der Casa de Paz der lutherischen Emmausgemeinde 15 TeilnehmerInnen an einem Kurs über Konfliktbearbeitung, Gerechtigkeit und Versöhnung teilgenommen. Am Ende des mehrmonatigen Kurses, der von Psychologen, Soziologen, Rechtsanwälten, Menschenrechtlern  und Theologen durchgeführt wurde, bekam jeder der Teilnehmenden ein sog. Diplom. Dabei waren junge Leute wie Daniel, Kriegsdienstverweigerer, der einfach nur ein normales Leben führen will, junge Aktivisten, die sich sensibilisieren wollen in diesem Themenfeld  und auch ehemalige FARC-Kämpfer, die alle in der berüchtigten Comuna 13 in Medellin leben. 
Über 300.000 Menschen leben in diesem Armenviertel, das berüchtigt war und ist als Umschlagplatz für Drogen Prostitution und Waffenhandel. Während des Bürgerkrieges war es lange unter Kontrolle linker Guerillagruppen, später wurden diese durch rechte Paramiliärs vertrieben. Es ist ein offenes Geheimnis, dass diese mit der Stadtverwaltung kooperieren und teilweise auch als Sicherheitskräfte Polizeiarbeit abnehmen - gegen entsprechende Vergünstigungen. Die Paramilitärs kontrollieren quasi die Comuna 13. Traurige Berühmtheit erlangte die Comuna 13 durch die "Operation Orion" 2003, während der Präsidentschaft Álvaro Uribes. Menschen wurden wahllos verfolgt, gefoltert und ermordet. Niemand weiß, wie viele Menschen getötet wurden. Ein Gedenkstein in der Comuna erinnert an diese Zeit.
rechts Pastor John Hernandez; Hintergrund: Comuna 13

Für Pfarrer John Hernandez ist es wichtig, mit den Menschen und für die Menschen in der Comuna 13 zu arbeiten, um gegen die täglich präsente Gewalt und Kriminalität anzugehen, die Menschen zu stärken, an Traumata zu arbeiten, von den so gut wie alle Kolumbianer in irgendeiner Weise betroffen sind. "Wir wollen der Kultur der Gewalt, die Teil der kolumbianischen Kultur ist, etwas entgegensetzen", sagt John Hernandez. "Die, die an dem Kurs in der Casa de Paz teilnehmen, sollen Friedensstifter sein und aus dem Teufelskreis der Gewalt aussteigen."
derzeitige Casa de Paz

Die Kurse finden nicht in der Comuna 13 statt. "Das wäre für die Teilnehmenden gefährlich", sagt Pfarrer Hernandez. "Die ehemaligen FARC-Kämpfer zum Beispiel leben versteckt in dem Stadtviertel. Sollte herauskommen, wer sie sind, wären sie ein leichtes Ziel für die Paramilitärs. Morde und Verschleppungen gibt es immer wieder."
Derzeit werden die Räum für Casa de Paz angemietet. Ziel ist es, ein eigenes Haus zu erwerben. Dabei will das GAW in den kommenden drei Jahren helfen.

Mehr zur Gemeinde in Medellin: www.misionluteranaemaus.wordpress.com

Samstag, 25. November 2017

Die "Casa de Paz" will mehr sein als ein festes Gebäude!

Gesprächsrunde im Café Lutero mit Gemeindemitgliedern der Emmausgemeinde












 
"Vor einem Jahr, als das Plebiszit über den Friedensvertrag zwischen Regierung und FARC anstand, erlebte ich, wie der Pastor meiner damaligen charismatisch-evangelischen Gemeinde in einem Gottesdienst  laut betete, dass die Mehrheit der Bevölkerung den Friedensvertrag ablehnen möge", berichtet eine junge Frau im Café Lutero der lutherischen Emmausgemeinde. Paula gehört nun seit über einem Jahr zur lutherischen Kirche. "Ich war schockiert, denn ich will Frieden in Kolumbien, auch wenn der Friedensvertrag unvollkommen ist." Sie erzählt, dass in ihrer Familie etliche beim Militär sind: "Mein Vater ging dahin, weil er keine Arbeit fand. Mein Bruder ist bei der Marine. Beide lehnen den Friedensvertrag ab." In ihrer Familie kann sie nicht über die politische Situation reden. Zu unterschiedlich sind die Meinungen - und schnell gibt es Streit.  Und sie fügt hinzu: "Im Militär gibt es viele, die auf die Zuschläge nicht verzichten wollen, die es während des Krieges gab."
Paula berichtet darüber in dem offenen Treff, dem Café Lutero der kleinen lutherischen Gemeinde in Medellin, zu dem 15 Teilnehmer gekommen sind. Paula hatte sich nach diesem für sie schockierenden Gottesdienst auf die Suche nach einer evangelischen Gemeinde gemacht, die den Friedensprozess unterstützt. "Es hat gedauert," sagt sie. "Viele evangelische Kirchen sind sehr konservativ - und gerade diese lehnen die Friedensvertrag ab." Über das Internet hatte sie keinen Erfolg, bis sie zufällig von der kleinen lutherischen Gemeinde in Medellin erfuhr.
Das Café Lutero soll Raum zu offenem Austausch geben. Es geht um Dialog und gemeinsames Abwägen der Positionen. Das alles findet im "Casa de Paz" statt. So nennt sich das Gemeindezentrum, in dem sowohl der Pastor lebt als auch alle Gemeindeveranstaltungen stattfinden. Aber die "Casa de Paz" will mehr sein. Es ist ein Konzept. "Wir wollen Friedensstifter sein!", betont Pastor John Hernandez. "Wir wollen Friedensprozesse unterstützen, Gewalt überwinden und Menschen dabei helfen, sich als Menschen zu sehen, die es schaffen, sich nicht mehr als Feinde zu sehen." Deshalb finden Workshops in besonders gefährdeten Stadteilen wie der Comuna 13 statt. "Wir wollen draußen zeigen, was wir innen glauben - dass Gott uns befreit, auch von der Gewalt, die sehr tief die kolumbianische Gesellschaft geprägt hat", so John Hernandez.
Das derzeitige Gebäude von "Casa de Paz" ist gemietet. Es soll nun ein eigenes Gebäude angeschafft werden. Dafür will das GAW drei Jahre lang Spenden sammeln.

Der Friedensprozess in Kolumbien ist Aufgabe aller!

Diakoniepastor Jairo Suarez
„Fünf Jahre war mein Vater alt, als ihn Polizisten mit einer Pistole bedrohten, damit er verrät, wo mein Großvater war,“ berichtet Jairo, Diakoniepfarrer der lutherischen Kirche Kolumbiens (IELCO). „ Sie suchten meinen Großvater, weil er ein Liberaler war. Damals standen sich Konservative und Liberale feindlich gegenüber. Weil die Liberalen und die „evangelicos“ miteinander sympathisierten, wurden die „evangelicos“ ebenso verfolgt. Es wurden Kirchen angezündet, Bibeln verbrannt und „evangelicos“ getötet. Von 257 getöteten Protestanten sind  aus diesen Jahren die Namen bekannt. Der politische Konflikt wurde schnell so auch ein religiöser."
Jairos Großvater wurde nicht entdeckt. Er konnte seine Familie und sich nach Bogotá in Sicherheit bringen. Viele Menschen sind so vom Land in die Städte gekommen, um der Gewalt zu entkommen. Dabei ging es um Agrarreformen, die bis in die 1930er Jahre zurückreichen und den Widerstand der Latifundienbesitzer, der reichen Schichten und auch aus Teilen der katholischen Kirche hervorriefen. Ein Menschenleben war nichts wert. „Es reichte manchmal schon, eine rote Krawatte zu tragen, um von konservativen Kräften und ihren Paramilitärs ermordet zu werden“, fährt Jairo fort. Deshalb sind rund 80 % der kolumbianischen Bevölkerung sogenannte „desplazados“, Menschen, die aufgrund der brutalen Gewalt ihr Land verlassen mussten. Kolumbien ist das Land mit den meisten Binnenflüchtlingen weltweit.
Ähnliche Geschichten können viele Mitglieder der lutherischen Kirche erzählen. „Wir sind mit der Vorstellung aufgewachsen, dass meine Eltern nach Bogotá gezogen sind, um bessere Arbeitsmöglichkeiten zu finden und eine bessere Ausbildung für uns Kinder,“ sagt
Bischof Atahualpa Hernandez (li.) im Gespräch mit
GS Enno Haaks
Bischof Atahualpa Hernandez von der IELCO. „Erst vor wenigen Jahren ist uns bewusst geworden, dass meine Eltern vor Gewalt des Bürgerkrieges geflohen sind.“ In der IELCO gibt es Menschen, die auf Grund des Krieges Angehörige verloren haben – nicht allein durch die Guerilla, sondern auch durch Militärs und Paramilitärs. „Das wirkt in unsere Kirche hinein und stellt uns vor die Frage, wie die IELCO den Friedensprozess unterstützen kann“, sagt Atahualpa
Hernandez.
Das langwierige Ringen um Frieden hat Konflikte auch in die IELCO hineingetragen. „Es gibt eine Gruppe in der Kirche, die Rache wollen für die schlimmen Taten. Sie sind mit dem Abkommen zwischen Regierung und der FARC nicht einverstanden, weil die Frage nach Gerechtigkeit für die Opfer nicht berücksichtigt ist und viele Täter straffrei davonkommen. Deshalb lehnen sie bestimmte Projekte der Kirche, die sich um Versöhnung mühen, ab“,  berichtet Bischof Hernandez. "Wir kommen aber nicht darum herum, uns in den notwendigen Versöhnungsprozess als Kirche einzubinden und dort, wo wir Gemeinden haben, mit den Menschen zu arbeiten. Wir müssen unsere Kraft einsetzen, in dem anderen nicht den Feind zu sehen, sondern den, der genau wie ich auf Gottes Gnade angewiesen ist. Nur so lernen wir in dem anderen den von Gott geliebten Nächsten zu sehen. Sacar la mascara – dem anderen die Maske nehmen, die ihn als Feind zu erkennen gibt. Darum geht es!“
Pastor Jairo Suarez arbeitet neben seiner Tätigkeit als Diakoniepastor noch in der Gemeinde „Luz y vida“ in der Ciudad Bolivar im Süden Bogotás. Dort leben 800.000 Menschen. Fast alle sind sie sog. „desplazados“. Die Lebensbedingungen sind mehr als dürftig - ein lateinamerikanisches Armenviertel. Dort hat Pastor Suarez mit Hilfe von Freunden ein kleines Gemeindezentrum errichtet und arbeitet vor Ort mit den Opfern der Gewalt zusammen, die von allen Seiten kommen. Das ist nicht immer leicht, weil schnell Zuschreibungen erfolgen: „Du gehörst zu den Bestien der FARC …“ oder „Deine Angehörigen gehören doch zu den Militärs …“ Hier setzt die Arbeit der IELCO an – „sacar las mascaras“… 
In Ibague – drei Autostunden von Bogotá entfernt arbeiten die Frauen daran, versöhnend in ihrem Stadtviertel zu wirken. Hier wurden durch den Friedensvertrag ehemalige FARC-Kämpfer mit ihren Familien angesiedelt. Unterstützt wird die Frauengruppe von Pastorin Liria Consuelo Preciado.
In Medellin arbeitet Pastor John Hernandez in der berüchtigten Comuna 13, wo noch vor zehn Jahren das Militär ein Massaker verübte, das bis heute nicht aufgeklärt ist. In der „Casa de Paz“ übt er mit jungen Menschen, auf Gewalt nicht mit Gegengewalt zu reagieren. Unterstützt wird er von Psychologen. Wichtig ist dabei immer wieder die biblische Botschaft von der Versöhnung mit Leben zu füllen und sich selbst davon anstecken zu lassen. „Nur so kann der Hass besiegt werden, der vergiftet,“ sagt John.
In Villavicencia – zwei Autostunden von Bogotá entfernt - arbeitet die lutherische Gemeinde in einem Armenviertel, in dem mehrheitlich „desplazados“ wohnen, und sorgt sich neben sauberem Trinkwasser um die notwendige Versöhnungsarbeit.
„Es gilt an den Orten, wo wir präsent sind, um Versöhnung zu säen. Es ist vielleicht nicht viel, aber der Prozess des Friedens ist kein Prozess, der allein auf Regierungsebene stattfinden kann. Er muss dort gestaltet werden, wo die Menschen leben, die unter dem Bürgerkrieg gelitten haben. Mit diesen Menschen muss man vor Ort sich täglich gemeinsam einüben, Gewalt zu überwinden und Frieden zu leben. Da sind wir alle gefordert. El proceso de la paz es de todos los Colombianos – der Friedensprozess ist Sache aller Kolumbianer“, sagt Bischof Atahualpa Hernandez.
Die IELCO ist eine der wenigen evangelischen Kirchen, die den Friedensprozess aktiv unterstützt - bei aller Kritik an ungelösten Fragen wie z.B. der gerechten Landverteilung und der Frage der Täterverfolgung und Opferentschädigung. Es gibt unter den mehrheitlich konservativen charismatischen und pfingstlerischen Kirchen viele, die laut nach Vergeltung rufen. Da ist die IELCO eine Ausnahme.
Am 24. November wurde an die Unterzeichnung des Friedensvertrages vor einem Jahr erinnert.

Freitag, 24. November 2017

Die IELCO steht vor Veränderungen

Gemeindemitglieder mit Bischof Atahualpa  (2.v.re.)
und GS Haaks
Viele Gemeinden der lutherischen Kirche in Kolumbien (IELCO) sind klein. Eine davon ist die Gemeinde San Mateo in Bogotá. Sie hat nur 25 Mitglieder. 1984 begann die gößere Muttergemeinde San Lucas, zu der eine Schule mit 1030 SchülerInnen gehört, im Stadtteil Quirigua der wachsenden Metropole Bogotá eine Missionsarbeit. Einige Mitglieder der Gemeinde waren in die Gegend gezogen. Aus dieser Arbeit ging schließlich 1994 die Gemeinde „San Mateo“ hervor.
Regelmäßig finden in der Gemeinde Bibelarbeiten und Gottesdienste statt. Pastor Helbert Herrera betreut sie mit einer halben Stelle. Mehr Zeit wäre nicht zu begründen - aber auch das scheint schon viel zu sein. Zudem schaffen es die Mitglieder kaum neben dem halben Pfarrergehalt (das sind in Kolumbien ca. 200 Euro) für alle Unkosten aufzukommen. 
Garagenkirche San Mateo
Kircheninnenraum 
Die Gemeinde ist im Besitz eines Hauses, das sich mitten in einem Wohnviertel befindet. Aus der Garageneinfahrt wurde der Kirchraum. Im ersten Stockwerk befindet sich die Pfarrwohnung. Alles ist baufällig. Der Wunsch nach Sanierung ist verständlich. Nur - wie soll die Zukunft der Gemeinde aussehen? Wie lange kann die IELCO noch bei der Finanzierung des Pfarrgehaltes helfen? Woher soll das Geld kommen, wenn nicht von den Gemeindemitgliedern selbst? Kann man sich mit einer Gemeinde zusammentun, der es ähnlich geht und die sich nicht allzu weit entfernt befindet? Das sind Fragen, die mit Bedacht abgewogen werden müssen. Es ist ein schmerzhafter Prozess, denn die Notwendigkeit von Veränderungen liegt auf der Hand. Man müsste Abschied nehmen von alten Gewohnheiten. 
Insgesamt gehören ca 1.500 Mitglieder zur IELCO. Dazu kommt ein mindestens  genauso großer Sympathiesantenkreis. In 24 Gemeinden werden die Mitglieder von 19 Pastoren betreut - davon sind sieben Pastorinnen. 
Die Gemeinden auf den Veränderungsprozess mitzunehmen ist eine aktuelle Herausforderung  der IELCO. Die kleine lutherische Kirche hat in jüngster Zeit zudem eine Krise durchgemacht, hauptsächlich wegen Genderfragen. Diese ist nun einigermaßen befriedet. Aber von einer gemeinsamen Gestaltung der Zukunft der IELCO ist man immer noch ein gutes Stück entfernt.
Mit ihren Problemen ist die IELCO nicht allein unter den lutherischen Diaspoarkirchen in Lateinamerika. Die Frage der nachhaltigen Gestaltung der kirchlichen Arbeit ist ein Thema, das all diese Kirchen umtreibt.

Donnerstag, 23. November 2017

Hay que sacar las mascaras - zur Bedeutung der Frauenarbeit in der lutherischen Kirche Kolumbiens

 Enno Haaks im Gespräch mit Elisabeth Arciniejas und
Pastorin Consuelo Preciado 
"Es gibt in Kolumbien einen Friedensvertrag, um den jahrzehntelangen Bürgerkrieg zu beenden", erzählt Elisabeth Arciniejas, stellvertretende Präsidentin der Frauenarbeit in der Evangelisch-Lutherischen Kirche Kolumbiens (IELCO). "Aber der Frieden ist alles andere als gesichert. Das reicht bis in unsere Kirche hinein. Es gibt Gruppen, die für, und andere, die gegen den Friedensvertrag sind. Oft stehen sich diese Parteien im Land und eben auch in der Kirche unversöhnlich gegenüber."
Innerhalb der Kirche gibt es auch noch andere Konfliktlinien. "Die kolumbianische Gesellschaft ist konservativ. Und so sind gerade ethische Fragen, wie die der menschlichen Sexualität, und Genderfragen umstritten", berichtet Elisabeth Arciniejas. "Diese Diskussionen haben das Miteinander in der Kirche sehr belastet und vor wenigen Jahren zu heftigen Auseinandersetzungen geführt. Einigen fällt es schwer, sich den Beschlüssen des Lutherischen Weltbundes anzuschließen. Zwei Gemeinden haben die Kirche verlassen."
Für die Dialogprozesse in den Gemeinden spielen Frauen eine wichtige Rolle. Über 65 % der Mitglieder der IELCO sind Frauen. Deshalb hat auch die Frage, wie sie mit Konflikten und unterschiedlichen Positionen in der Gesellschaft umgehen, in vielen Fällen entscheident. "Es gibt so viele offene Wunden in Kolumbien bis in die kleinen Gemeinden hinein. Da dürfen wir nicht drüber hinweggehen", betont Elisabeth. Die Kirche hat sich entschieden, eine Pastorin für die Koordination der Frauenarbeit anzustellen. Es geht darum, die gesamte Kirche zu einem Dialogprozess zu Genderfragen, Umgang mit Minderheiten und zu Fragen des Friedens zu motivieren und im Gespräch zu bleiben. Für diese Aufgaben wurde Pastorin Consuelo Preciado mit Unterstützung der Frauenarbeit des GAW für drei Jahre angestellt. Sie organisiert Workshops, Jahrestreffen der Frauen der IELCO mit bis zu 130 Teilnehmerinnen - und setzt sich ein für einen Befriedungsprozess in der Gemeinde Ibague ein.
Ibague liegt drei Autostunden von Bogotá entfernt. "Hier leben Militärangehörige, deren Männer durch die Guerilla getötet wurden, und es werden hier ehemalige FARC-Kämpfer, die entwaffnet wurden, angesiedelt. Ebenso leben hier Menschen, die durch den Krieg vertrieben worden sind. Es geht darum, sie alle dabei zu begleiten, in dem anderen nicht den Feind zu sehen, sondern den Menschen. Hay que sacar las mascaras - man muss den Menschen ihre Masken nehmen, um sich von Mensch zu Mensch zu begegnen und nicht als Feinde, die sich bekämpfen. In diesem Friedensprozess engagiert sich die Frauenarbeit", berichtet Consuleo von ihrer Arbeit.
Der Frieden in Kolumbien ist alles andere als sicher. Es braucht die Arbeit auf allen Ebenen der Gesellschaft, um den Friedensprozess nach der jahrzehntelangen Gewalt zu unterstützen. Der Weg ist mühsam. Für die Frauen der IELCO gibt es aber keinen anderen Weg, als im Dialog zu blieben und so auch zum Frieden in der eigenen Kirche beizutragen.